Provenienzforschung

Das 1976 gegründete Institut Mathildenhöhe bewahrt, verwaltet und ergänzt fortwährend die Städtische Kunstsammlung Darmstadt. Aktuell umfasst die Sammlung etwa 15.000 Werke verschiedener Gattungen aus der Zeit der Romantik bis zur zeitgenössischen Kunst. Die Provenienzen der Werke sind nur in wenigen Einzelfällen erforscht. Im Rahmen eines Projektes zur Provenienzforschung, das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert wird, soll ein Teil des Gemäldebestands aus der Städtischen Kunstsammlung Darmstadt erstmals systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Werke untersucht werden.
Grundstein für die Städtische Kunstsammlung Darmstadt war das Stadtmuseum, welches seit 1904 projektiert und 1909 eröffnet wurde. Ab 1917 wurden seitens der Stadtverwaltung außerdem Werke von Darmstädter Künstlern für die Ausstattung von Räumen öffentlicher Institutionen erworben. Eine 1924 erfolgte Stiftung von zwölf Gemälden Arnold Böcklins ergänzte die städtische Kunstsammlung. Auf Initiative des Malers und Kunstlehrers Adolf Beyer (1869-1953) wurden 1937 bereits länger diskutierte Pläne zur musealen Präsentation der in städtischem Besitz befindlichen Kunstwerke realisiert. Nachdem die Kunstsammlungen der 1936 aufgelösten Künstlergruppe Freie Vereinigung Darmstädter Künstler sowie der seit 1932 inaktiven kunstpolitischen Vereinigung Ständiger Rat zur Pflege der Kunst in Hessen den vorhandenen Kunstbeständen der Stadtverwaltung als Stiftungsgut einverleibt worden waren, eröffnete am 26. Mai 1937 die Ausstellung Städtische Kunstsammlung Darmstadt. Präsentiert wurde die Sammlung im Städtischen Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe. Das Ausstellungsgebäude war 1908 nach Plänen von Joseph Maria Olbrich (1867-1908) errichtet worden und dient seither kontinuierlich bis heute als Ausstellungsort. 
Verantwortlich für die Ausstellung 1937 war Adolf Beyer, der seit Ende des 19. Jahrhunderts eine äußerst einflussreiche Persönlichkeit des Darmstädter Kunst- und Kulturlebens war. Er stand für ein traditionell-konservatives Kunstverständnis und war erklärter Gegner der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Republik. Beyer fand Gefallen an der nationalsozialistischen Bewegung und trat der NSDAP bei. Als Ratsherr gestaltete er die NS-Kulturpolitik in Darmstadt aktiv mit. Im Zuge der ab 1936 neu zu gestaltenden Präsentation der städtischen Kunstsammlungen sorgte Beyer für eine Aussonderung derjenigen Werke, die in der NS-Ideologie als „entartet“ verfemt wurden. Darunter befanden sich Gemälde bedeutender Expressionisten, die seither als verschollen gelten. 
Der 1941 erfolgte Ankauf des Gemäldes Frühlingssturm des Künstlers Ludwig von Hofmann (1861-1945) aus der Sammlung Rudolf Mosse (1843-1920) fiel ebenfalls in die Ära Beyers. Das Gemälde war am 29. Mai 1934 im Zuge einer „Verwertung“ des Vermögens der bereits ins Ausland geflüchteten Erben Mosses beim Auktionshaus Lepke in Berlin versteigert worden. Sieben Jahre später wurde es auf einer Jubiläumsausstellung zu Ehren Ludwig von Hofmanns vom 4. Oktober bis 23. November 1941 auf der Mathildenhöhe gezeigt. Auch Beyer stellte dort eigene Werke aus. Im Anschluss wurde das Gemälde am 15. Dezember 1941 von einem Sammler mit dem Namen Johannes Trapp aus Baden-Baden für die Städtische Kunstsammlung Darmstadt erworben. Als sich 2014 herausstellte, dass es sich um einen unrechtmäßigen Erwerb vor dem Hintergrund einer NS-Verfolgung gehandelt hatte, wurde das Gemälde von der Wissenschaftsstadt Darmstadt an die Erben restituiert. 
In der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart wurde die Städtische Kunstsammlung Darmstadt kontinuierlich durch Neuerwerbungen erweitert. Die Zahl der Gemälde, deren Entstehungszeit vor 1945 liegt und die nach 1933 in die Sammlung kamen, wurde im Zuge eines Erstchecks der Bestände auf etwa 550 geschätzt. Davon wurde die größte Zahl nach 1945 erworben. Ziel des Projektes ist es, die Provenienzen dieser Gemälde systematisch zu untersuchen. Der Erstcheck ergab, dass zahlreiche Erwerbungen aus dem Kunsthandel stammen. Ebenso wurden Werke direkt von Privatpersonen angekauft. In vielen Fällen sind die Erwerbungsumstände aber auch völlig unklar. Da die Provenienzen der 550 zu untersuchenden Gemälde bislang nicht erforscht wurden, müssen laut der Farbskala des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste zur Einstufung der Provenienzen alle im gelben Bereich verortet werden. Bei einem Gemälde gibt es darüber hinaus einen konkreten Verdacht auf einen NS-verfolgungsbedingten Erwerbungshintergrund. Dieses Gemälde gehört in der Farbskala in den orangenen Bereich.
Die Ergebnisse des Projektes werden auf der Website des Instituts Mathildenhöhe präsentiert. Überdies ist beabsichtigt, die Resultate der Provenienzforschung in neue Ausstellungen zu integrieren.

© Institut Mathildenhöhe Darmstadt, Mai 2017

DZK Logo schwarz RGB